Ist das Glockenbachviertel wirklich so kaputt?
Große Aufregung bei Münchens Szenewirten aus dem Glockenbachviertel, nachdem die Süddeutsche Zeitung in ihrer Online-Ausgabe einen Abgesang auf das Ausgeh-Viertel Nummer eins intonierte. Tenor: „Das Ende des Glockenbachviertels ist besiegelt“. Nicht, dass man das Areal zwischen Kapuziner- und Fraunhoferstraße abreißen würde, die Autorin stellte anhand von Beobachtungen fest, dass die Subkultur in andere Viertel umzieht und den „Reichen weichen“ muss. Festgemacht daran, dass Szene-Läden wie Die Registratur letzten Sommer und das Café King Ende des Monats schlossen, das Luxus- Fisch-Restaurant Seven Fish und eine Filiale einer Coffee-Shop-Kette am Gärnerplatz aufgaben, dass es Schampus in einer Currywurstbude gibt und die Tanzfläche des „einstmals coolsten Ladens der Stadt“, der Ersten Liga, „nurmehr von Pickelgesichtern und Umland- Prolls bevölkert wird.“ Ist das Glockenbachviertel wirklich so kaputt? „Totaler Schmarrn“, meint Liga-Chef MarcDeininger,„wen interessiert schon,ob das Seven Fish oder ein Coffee-Shop dicht machen, das Café King gab’s gerade mal drei Jahre, das macht doch nicht das Viertel aus.“ Weil es da viel mehr gibt, ,,eine Bar neben der anderen in der Baader-und Reichenbachstraße.“ Klar, Deininger war zunächst sauer, empfand es als „bodenlose Frechheit“, dass sein Club niedergemacht wurde, kam aber er zu dem Schluss: „Je mehr Leute draufhauen, desto besser für das Viertel, desto angesagter ist es.“ Er jedenfalls kann sich nicht beklagen: „Mein Laden läuft super, und mit den richtigen Leuten.“
Etwas mehr Distanz zu Gärtnerplatz und Glockenbach hat „Michi“ Kern. Er war zusammen mit Sandra Forster Wirt des Café King, das die beiden Ende Januar räumten. An dessen Stelle soll bald ein exklusiver Geschäfts- und Wohn-Komplex entstehen. „Das Viertel ist hipp geworden in den letzten zehn, fünfzehn Jahren; jetzt kommt das Geld hinterher, das kannst Du auch in New York beobachten, das war in Greenwich Village und im Meatpacking District genauso“, hat er beobachtet. „Erst kommen die Künstler, dann die Yuppies.“ Für die Zukunft des Bezirks sieht Kern, der gerade auf der Suche nach einer Nachfolge -Location für sein „King“ ist, dennoch nicht schwarz: „Im Viertel gibt’s viel Platz, die Szene ist beweglich.“ Ganz so unfreiwillig ist das Café King im Übrigen nicht gewichen. Die Betreiber hatten noch einen langfristigen Mietvertrag, weil aber der neue Eigentümer auf die wirtschaftliche Verwertung drängte, einigte man sich aufdieVertragsaufhebung.„Wenn Dich der Vermieter nicht will, hat es keinen Sinn weiterzumachen, das habe ich gelernt.“ Er bestätigt, „dass man uns finanziell entgegengekommen ist.“
Keine Frage, Geld ist im Spiel, vor allem rund um den Gärtnerplatz, wo Mieten und Grundstückspreise explosionsartig steigen. Weiß auch Jürgen Mair, der in der Rumfordstraße den darbenden Schwulen-Club „Henderson“ übernahm und als Tanzbar Paradiso zum angesagten Szene-Hangouts machte. „Die Mieten sind teuer. Wenn ein Currywurstladen meint, das Geld kann er mit Schampus erwirtschaften, soll er das versuchen. Wo bleibt die Toleranz?“ Eine Alternative zum Viertel sieht er derzeit nicht, schon gar nicht in Schwabing, in dessen Comeback die SZOnline- Autorin Hoffnung steckt. „Schwabing ist wie das Westend. Über dessen Erweckung wird seit zehn Jahren gesprochen, dabei kannst Du froh sein, wenn Du da nach Einbruch der Dunkelheit noch eine Wurstsemmel bekommst.“ ÜberdievielgeprieseneSubkultur in Läden wie der Schwabinger 7 meint Mair lapidar: „Da würd‘ i net amal a Glasl o‘langa, je grattlinger bedeutet nicht, desto lässiger.“ Wo liegt dann die Hoheit auf letzterem Gebiet: „Klar, hier am Gärtnerplatz.“

Die wichtigsten Clubs und Kneipen im Glockenbach- und Gärtnerplatzviertel:
1. Die Bank
Müllerstraße, Feiern & flirten in einem ehemaligen Ktreditinstitut
2. Erste Liga
Thalkirchnerstraße 2, Eine der rsten Adressen in Sachen lässiger Electro-Unterhaltung
3. Pimpernel
Müllerstraße, Elektro-Club und Bar, schwer angesagt
4. Glockenbach
Müllerstraße 49: oben gehobenes Restaurant, unten Cafe, Bar, Kneipe, Takeaway
5. m.c. müller
Fraunhoferstraße 2: Burger und Elektro- Mucke
6. Ksar Barclub
Müllerstraße 31, Fast schon eine Bar-Legende mit über 20 Jahren Geschichte
7. Trachtenvogl
Reichenbachstraße 47, Cafe LoungemitCafefürjungeMütter und lecker Astra und Tegernseer Hell am Abend für die Daddys
8. Zappeforster
Corneliusstraße 16, Panini und Salate in lässigem Ambiente (fast)direktamGärtnerplatz
9. Für Freunde
Reichenbachstraße 33, Kleiner Club- Bar-Mix, easy, gemütlich, leger, unaufgeregt
10. K& K Klub
Reichenbachstraße 22, wo junges Szene- Volk königlich-kaiserlich feiert
11. Netz & Overath
Baaderstraße 33: Netzer = Club, Overath = Couch
12. Bergwolf
Fraunhoferstraße 17: Machte die Currywurst Szene-fähig. Heiß umlagert.
13. Konsulat
Klenzestraße 51: Klassische Bar mit großartigen Cocktails
14. Gute Nacht Wurst
Klenzestraße 32: Currywurst mit Schampus, die flasche zu 29,90 Euro.
15. Paradiso Tanzbar
Rumfordstraße 2: Hier tanztPunkmitBank,und deshalb seit seiner Eröffnung 2008 angesagt.
16. Café Forum
Corneliusstraße 2: Bar, Kneipe, Cafe, und das seit langem.
17. Klenze 17
Klenzestraße 17: Cafe- Bar-Restaurantkult
18. X-Cess
Kolosseumstraße 1: Irrwitzige Kult-Kneipe von Isi Yilmaz
19. Baader Cafe
Baaderstraße 47: Kneipenlegende
20. Holy Home
Reichenbachstraße 21: Und immer wieder wundert man sich, wie viele Leute in dieses „heilige Wohnzimmer“ passen, das eigentliche eine verdammt lässige Bar ist.
21. Cafe am Hochhaus
Müllerstraße 29, AnfangsBar, späterClub, war früher mal ein Oma-Café, lässig.
22. Lizard Lounge
Corneliusstraße 34: Beliebte Bar im leicht 70s Retro-Look



